Die Grunder

Demetrio Zaccaria
(06/04/1912 - 27/11/1993)

Die Geschichte der Welt und der Menschheit wird zu einem großen Teil von den Launen des Schicksals bestimmt; so wurde z.B. Amerika durch Zufall von einem berühmten Seefahrer entdeckt, der eigentlich auf der Suche nach etwas anderem war. Der Zufall hat auch die wichtigsten Schritte im Leben des Demetrio Zaccaria gelenkt, Büchersammler und Gründer der Biblioteca Internazionale „La Vigna“, die sich zu einer regelrechten Schatzkammer mit 40 000 Titeln zu Weinkunde, Gastronomie und Landwirtschaft vom 15. Jahrhundert bis in die heutige Zeit entwickelt hat.
Er war Pilot, ging während des Abessinienkriegs als Freiwilliger nach Afrika und wurde nach der Kriegsgefangenschaft in Kenia zu einem erfolgreichen und willensstarken Industriemagnat. Sein Schicksal verhalf ihm zu einem Leben im Wohlstand, gestärkt durch das Bewusstsein, intensiv gelebt zu haben, nicht zuletzt dadurch, dass er sein Leben im Krieg riskierte und einen entsprechenden Kampfgeist auch auf unternehmerischer Ebene bewies, wobei dies allerdings mit weniger Risiken verbunden war.
Zwar war er ein wissbegieriger und intelligenter Self-Made-Man, entsprach jedoch gar nicht dem Klischee des nur an Profit interessierten Egozentrikers, der allem, was auch nur entfernt an Kultur erinnert, gleichgültig gegenübersteht. Kurz und gut, er strafte die Aussage des italienischen Schriftstellers Leonardo Sciascia Lügen, derzufolge sich alle Männer, die es in Italien aus eigener Kraft ganz nach oben schaffen, dabei nur schaden. Der Self-Made-Man Zaccaria ist das lebende Gegenbeispiel sowohl auf unternehmerischer als auch auf kultureller Ebene: Als der Abessinienkrieg zu Ende war, eröffnete er in Addis Abeba zwei Betriebe; folglich begann er schon kurz vor dem Zweiten Weltkrieg mit dem Aufbau einer Schuhfabrik. Nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft arbeitete er als Marktforscher für einige wichtige lombardische Industriebetriebe; schließlich gründete er in Vicenza zusammen mit seinen Brüdern ein Textilunternehmen.
Obwohl seine Studien hauptsächlich eine technische Ausrichtung hatten, gelang es ihm während seiner zahlreichen Reisen doch immer wieder, sich ein wenig Zeit freizuhalten, um eine Ausstellung oder ein Museum zu besuchen oder Bücher zu kaufen.
Und hier hat das Schicksal zum ersten Mal seine Hände im Spiel: 1961 stößt er in einer Buchhandlung in New York zufällig auf das „Dictionary of Wines“ von Frank Schoonmaker. Es ist Liebe auf den ersten Blick, und die faszinierende und unbekannte Materie bringt ihn dazu, sein erstes Buch zum Thema Weinkunde zu kaufen. Für ihn ist fast alles noch Neuland, und er taucht mit Leidenschaft, Begeisterung und intellektueller Neugier in diese neue Welt ein.
Ende der 60er Jahre klopft das Schicksal erneut an die Tür, und zwar an die Tür eines vicentinischen Restaurants, in dem ihm eine Gruppe piemontesischer Weinliebhaber über den Weg läuft, mit denen er sofort Freundschaft schließt. Dabei hilft ihm seine offene Art, auch wenn sich diese oft hinter einer rauen Schale verbirgt. Er beginnt, regelmäßig diesen Weinzirkel zu besuchen und nimmt als Zuschauer an den wichtigsten internationalen Kongressen teil.
In diesem Zusammenhang lernt er die wichtigsten Experten auf diesem Gebiet kennen, unter anderem Andrè Simon, ein kulturell sehr bewanderter Mann und Besitzer der größten privaten Bibliothek zum Thema Weingastronomie. Simon wird für Zaccaria sowohl zum Ansprechpartner als auch zum Vorbild.
Für Zaccaria stellt Simon all das dar, was er selbst immer schon sein wollte: ein vornehmer Mann von Kultur mit einer Sammelleidenschaft für Bücher.
In der Zwischenzeit werden in die private Bibliothek des vicentinischen Unternehmers nicht nur umfangreiche Werke zur Weinkunde aufgenommen, sondern auch Abhandlungen und Zeitschriften über Landwirtschaft und Gastronomie. Einige Jahre später stirbt Simon, und Zaccaria verliert seinen großen Mentor.
Die Bibliothek von Simon wird versteigert, und Zaccaria beschließt, dass der Moment gekommen ist, sein Ass auszuspielen; mehr als nur ein Titel dieser stattlichen Sammlung gelangt so in seine Hände.
Von Toscolano am Ufer des Gardasees, wo er sich trotz weiterhin häufiger Besuche in der Stadt 1958 niedergelassen hatte, zieht Zaccaria zu Beginn der 70er Jahre mit all seinen Büchern, deren Zahl sich mittlerweile auf mehrere tausend beläuft, endgültig nach Vicenza.
1980 erwirbt er das Gebäude, in dem heute die Bibliothek „La Vigna“ ihren Sitz hat. Im Jahr danach schenkt er kurz vor seinem 70. Geburtstag, um den Erhalt des in vielen Jahren zusammengetragenen Bücherbestands nach seinem Tod besorgt, das Gebäude und die gesamte Sammlung der Stadt Vicenza.
1981 gründet er im Einverständnis mit Vertretern der Stadt, der Handelskammer, der Accademia Olimpica und des Konsortiums für die Verwaltung der Biblioteca Bertoliana in Vicenza das Centro di Cultura e Civiltà Contadina (Zentrum für bäuerliche Kultur und Lebensweise), dem sich 1984 auch die Provinz Vicenza anschließt. Dieses hat den Zweck, den Bücherbestand der „La Vigna“ zu bewahren, zu verwalten und zu vergrößern sowie wissenschaftliche Arbeit, Tagungen und Forschungsaktivitäten zu fördern.
Sein großes Fachwissen verschaffte Zaccaria zwei Mal den internationalen Preis für historische Forschung „Barbi-Colombini“ von Montalcino; 1986 wird er wegen besonderer Verdienste Ehrenmitglied der deutschen „Gesellschaft für Geschichte des Weines e.V.“ und einer Weinakademie in der Schweiz; am 3. März 1987 wird er zum „Accademico della Vite e del Vino“ und 1988 zum „Accademico Olimpico“ ernannt.
Einige Jahre später stirbt Zaccaria an einem sonnigen Nachmittag; es ist der 27. November 1993. Sein abwechslungsreiches Leben hat ihn zu einem Mann mit vielen Facetten gemacht: durch Zufall zum Sammler geworden, mit Erfolg als Unternehmer tätig gewesen und von einer selbstlosen intellektuellen Neugier getrieben, die, wie ein englischer Historiker einst sagte, Zeichen und Antrieb wahrer Kultiviertheit ist. Er scheidet still und unauffällig aus dem Leben, genauso wie er 32 Jahre zuvor still und unauffällig das Buch von Schoonmaker aus dem Regal einer New Yorker Buchhandlung genommen hatte.

Banner Sostieni la vigna

Iscriviti alla Newsletter di La Vigna